Montag, 6. Februar 2012

Der Strand der Dinge - Erinnerung 1

Sechste Stunde Markmann. Konnte es etwas sinnloseres geben? Heute musste ich mich beeilen. Er wollte gegen eins kommen. Einen Rucksack voll meinte er. Was mich da genau erwarten sollte wusste ich nicht. Na gut, er war verrückt, das war jedem klar. Auch mir. Aber irgendwie war mir das scheißegal. Natürlich kam er zu spät. Ich hatte extra noch nix geraucht. Obwohl er zwei Stunden zu spät kam, ohne anzurufen. Ich wollte das Weed ausprobieren. Das sollte keinesfalls durch irgendein anderes davor gerauchte Weed, in seiner Wirkung irgendwie beeinflusst werden. Diesen Luxus wollte ich mir gönnen. Dann kam er endlich. Ich hatte eine Platte aufgelegt. Er interessierte sich nicht wirklich für Hip Hop. Ab und an meinte er, ich solle ihm was brennen, aber ich war mir relativ sicher, dass er wohl eher eine Art Mischung aus Goatrance und Aggro Berlin auf seinem, natürlich brandneuen, mit schmutzigen Drogengeldern erwirtschaftetem Ipod zu laufen hatte. Eigentlich war er ein ziemlich ekelhafter Mensch. Seine Haut war rosa gefärbt, man könnte sagen, er sah einem Schwein ähnlich. Die Reste seiner blondierten Strähnen klebten ihm an der Stirn. Und als er mir schwitzend und  schnaufend entgegen kam, sah ich in seine toten Augen. Und sah seinen Blick, der wie seine Haut einem Schwein glich. Einem Schwein, das weiß, oder besser ahnt,  dass sein Leben endlich ist - und schweinisch. Ein Leben, das daraus besteht sich mit Genuss im eigenen Kot zu wälzen ohne sein Lächeln zu verlieren, während einem eine Warze nach der anderen unter dem Fell wuchert. Und das rechnete ich ihm hoch an. Dass er sich, dieser Tatsachen bewusst, Tag für Tag durch die engen Gassen dieser, meiner Stadt zwang, einen Rucksack auf, und jeder Zeit kurz vorm explodieren. Er kam ins Zimmer stieß ein lautes Lachen aus, drehte die Lautstärke nach oben und schmiss sich in die Ecke, den Rucksack noch auf dem Rücken. Ich hörte die Mikrowelle, ging aus dem Zimmer, durchs Treppenhaus nach oben, um mein Toast zu essen. Ich ließ ihn unten zurück ohne daran zu denken, zu was er alles in der Lage gewesen wäre. Einfach so. Ich vertraute ihm ohne Grund. Ohne Argument und ohne Gegenargument. So verhielt ich mich zu den meisten Dingen. Und wenn es Argumente gab und Gegenargumente, so kam ich trotzdem nie auf einen grünen Ast. So geschah es, dass ich den Leuten vertraute ohne zu wissen warum. Ich konnte damit gut leben. Wie es für die anderen war, weiß ich nicht. Bemerkenswert im besten Fall. Aber ob das so bemerkenswert war, und so gut, vor allem, das wage ich heute zu bezweifeln. Da er die Anlage so laut aufgedreht hatte, hörte ich das Lied bis nach oben, wo ich stand. Vor der Mikrowelle, mir gegenüber mein Toast: Käse Remoulade, Gurke - Kiffernahrung, Aber trotzdem lecker. Könnte man in jedem Imbiss verkaufen. Kiffer gibt es genug. Der Rucksack war übrigens tatsächlich bis oben hin gefüllt mit sehr gut riechenden Blüten. Ich überschlug kurz meinen Gewinn, den ich eventuell damit machen konnte und drückte ihm das gesammelte Geld in sein schwitzigen Hände. Er erzählte viel von Frauen. Aber wenn man ihn sich so anschaute mochte man kaum glauben, dass irgendeine Frau jemals Hand an ihn gelegt hatte. Er erzählte, dass er mit Andi öfter schon mal im Puff gewesen sei, während er das Gras abwog, und dass sie sich regelmäßig ihr Koks auf die Eichel geschmiert hätten. Ich entschied mich dafür nicht laut zu lachen, obwohl mir eigentlich sehr danach war. Ich hatte gehört, dass dieser Typ auch mal einem Hund das Genick brach, weil er ihn aus seinem LSD getränkten Koma zu wecken drohte. An diesem Tag wollte ich nicht dieser Hund sein. Nein. Nicht dieser Hund.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen