Samstag, 14. August 2010

Die Stadt 1-3

Die Stadt


1.

Dieser Nachmittag, der sich sonnig kalt und unwirklich inmitten eines Jahres 2009 abspielte, das sonst nichts Geistreicheres zu bieten hatte als Krisen, Nöte, und sinnlos trögen, dünnen Gestalten, die sich in der Büropause Döner Kebap oder Pommes Frites bei Ali kauften um sich dann diese Schweinereien hastig in ihre ewig hungrigen Aktionärsmäuler zu stopfen, dieser Nachmittag der hatte es in sich.
Man hatte fast das Gefühl, während man so durch die engen Gassen der Stadt streifte, den Hals noch in klebrigem Sambuca vom Vorabend getränkt, dass es sich hier irgendwo abgespielt haben musste.
Es war gerade erst einmal zwei Wochen her-fast zwei Wochen.
Und diese zwei Wochen waren schlimm für unsere Freunde in dieser Stadt, denn sie wussten nicht was sie getan hatten, was sie gerade taten und vor allem war es ihnen unmöglich herauszufinden was sie tun sollten. Also streiften sie ziellos durch die Vorstädte, seit Tagen auf der Suche nach der Wahrheit, von der sie nicht einmal wussten, dass es sie geben könnte.

Dünne, blaue Plastiktüten wehten im Wind des Tages.
Hellbraungestreifte Katzen jaulten tonlos aus schwarzen Mülleimern, die vor leergeräumten Arztpraxen nicht abgeholt wurden.
Gelbes Laub klebte an den rissigen Wänden einiger Drogerien in der Strasse, die einzigen Geschäfte die noch einigermaßen liefen. Gerade als sich Julius und Sarah in den Nacken bissen und kurz davor waren sich, auf dem glitschigen Kopfsteinpflaster, endgültig ihrer Lust hinzugeben, schreckte sie das Geräusch grell quietschender Autoreifen auf.
Vier japanische Maschinenmenschen sprangen aus dem BMW, der mit seinen getönten Fenstern und seiner, für Limousinen typischen, imposanten Erscheinung mächtig Eindruck auf die beiden machte und jegliche Nachbarn ans Fenster holte.
Gustav pisste sich auf die Hände vor Schreck, während er gerade dabei war, das Mittagsangebot des Fischrestaurants vom Aufsteller zu tilgen.
Die Maschinenmenschen stampften mit gefährlicher Ruhe und Gelassenheit auf Julius und Sahra zu. Einer nach dem anderen nahm seine Sonnenbrille ab und es ertönte ein chorisches „Wir sind euer Schicksal und ihr hält jezt erstmal die Fresse!“

Flucht


2.

Eine kurze Nacht.
Gustav schaute durch das zerbrochene Glas seiner hässlichen Brille aus dem schmutzigen Fenster. Julius und Sarah lagen halbangezogen auf seiner Matratze.
Die Bäume am Straßenrand fingen an zu blühen, die Autos hupten an der roten Ampel, der Asphalt dampfte vor sich hin. Merkmale einer Aufbruchstimmung, doch sie alle drei drehten sich im Kreis. Rastlos, sicher Tage, Wochen. Katzenhaare im Nacken, Juckreiz am ganzen Körper. Drogen? Sie wussten es einfach nicht mehr. Die Maschinenmenschen. Schwielen an den Füßen, aufgeschürfte Handinnenflächen.

Sahra blieb zu Hause. Totalschaden. „Bringt mir `n Döner mit! Aber ohne Scharf, sonst muss ich kotzen!“

Am Aldi vorbei, an der Schnellstraße entlang, durch den Tunnel und schnell in den Puff. Jeder 20 Minuten mit zwei glattrasierten Thaimäusen. Sie waren sich einig: Eine gute Investition.

Julius:"Was haben wir? Freitag? Dienstag?"
Gustav:"Keine Ahnung! Es zählt nicht mehr, verstehst du. Egal ob Freitag oder Samstag. Es hat absolut keine Bedeutung mehr."

Aus irgendeinem Grund war es dunkle Nacht. Die Sparkasse hell erleuchtet. Die Dönerbude in weiter Ferne. Ein kurzatmiger Moment der Freiheit. Sie machten sich auf den Weg.

Zeitgleich vier Straßen weiter: Erst letzte Woche leerte Sarah ihren kompletten Mageninhalt über die Stereoanlage ihres Vormieters und jetzt hingen ihre getönten, roten Haare schon wieder bis zur Hälfte in der wahrscheinlich schmutzigsten Kloschüssel der Stadt. Im spärlich beleuchteten Hof hallten abwechselnd das klägliche Röcheln ihrer gereitzten Speiseröhre und das reinigende Geräusch der Spülung. Es dauerte seine Zeit.

Die Dönertüte raschelte zackig, als Julius sie von der rechten in die linke Hand nahm um sich die Billigzigarette anzuzünden die er sich vom schnürsenkellosen Penner an der Ecke geschnorrt hatte. Er blieb vor der beschmierten Tür stehen, drehte sich zu Gustav - Es röchelte laut. Die beiden setzten sich schneidersitzig unter die Innenhofplatane und fingen an Operetten zu lauschen. „Dieses Geräusch macht mich scharf!“ säuselte Julius vor sich hin.


3.

„Brechend leer, kommt das da her?“---

„Brechend voll heißt es, nicht brechend leer. Aber in deinem Fall, wer weiß?“

Sie aßen die Fleischbrötchen in schwindelerregendem Tempo.

„Halbe stunde Schlaf, nicht mehr, wir müssen weiter.“

Stimmen wie aus Lautsprechern von der Decke.

„Halbe Stunde, nicht mehr.“---

Julius war im begriff sich selbst zu übertreffen, er gab alles.

Er stand für die anderen ein als es zu kippen drohte, er war es, der die Ansagen machte die nötig waren. Er war der einzige der zu begreifen schien, dass es hier um etwas anderes ging, etwas höheres. Er wusste, dass die Maschinenmenschen nur gekommen waren um die Sache voranzutreiben. Sie müssten den Ort so schnell wie möglich wechseln. Er war es der die Lautsprecher sah. er war ihr Lautsprecher.
Couch, Esstisch, Teppich. Die Ausstattung. Drei schnarchende Menschen - Ein geräusch.

Es fing im Eck unangenehm leise zu klingeln an.
Ein Wecker auf einem Teller, daneben Besteck angekrustet.
Die Kruste löst sich.

„Hilfe! Sahra.“

Die Straßen bogen sich ins Leere. Wieder diese Hitze. Nur noch ein paar Stunden.