Samstag, 22. Mai 2010

Das Leere Buch

II.

Baum du.
Nie warst du so Baum
Wie an diesem leeren, blauen Morgen.

Donnerstag, 20. Mai 2010

Flusspferde

Personen:

Ralf und Tatjana Häberle - Ehepaar
Thomas und Vera Langenscheidt - Ehepaar
Alle um die Vierzig Jahre alt.

I.

Die Häberles sitzen bei den Langenscheidts am Kaffeetisch.
Die Eheleute stochern in ihrem Kirschkuchen.



Thomas: Jajaja... wir waren jetzt vorigen Sommer in Afrika -
zum Hiken und Raften. Und Urlaub natürlich.

Tatjana: Sport und Urlaub - klingt echt super.

Ralf: Ist wahrscheinlich das Gesündeste was man machen kann.

Vera: Wenn man sich im Urlaub nur nicht immer so gehen lassen würde.

Tatjana: Ja! Diese riesigen Buffets!

Thomas: Da geben sich die Einheimischen immer sehr viel Mühe.

Aber das ist Afrika.
Schlimm dort - gesellschaftlich.
Man könnte sagen, wo der Buffettisch endet, fängt die beinharte Realität an.

Vera sanft: das hast du schön gesagt! geht in die Küche.

Thomas: Ich meine die Armut, die hohe Aidsrate und so weiter, in Malawi bei über 30%.

Tatjana: Jaja, das stimmt natürlich. Schlimm.

Ralf abwesend: Ja.

Thomas: Hmm... schreit Veraaaaa!!

Vera aus der Küche: Ja?

Thomas: Sag mal, hast du die Garage zugesperrt?

Vera: Oh, da muss ich nochmal schauen! Gut dass du mich daran erinnerst.

Thomas: Ja, Afrika. Vera und ich...wir haben da was gespendet.

Ralf: Wirklich?

Thomas: Für Waisenkinder.

Tatjana: Wow! D a s ist ja toll. Wir haben so was noch nie gemacht. Naja, ich meine leisten könnten wir es uns eventuell schon, aber...ach ich weiß nicht ob das da auch ankommt und so weiter. Wie du sagst Thomas, Afrika ist eben... Afrika.

Thomas: Ja, aber zum Beispiel, ich meine dieser, wie heißt er gleich? in Äthiopien der..

Tatjana: Ja ich weiß wen du meinst.

Ralf: Böhm!

Thomas: Haargenau....Menschen für Menschen.

Tatjana: Ja, tolle Sache. Stimmt, Böhm.
Sag mal Ralf, was hälst du davon?
Wäre doch eine nette Idee, oder?

Ralf: Nein lass gut sein, ich schicke da keine müde Mark hin. aggressiv Das sind doch alles-

Tatjana: - Ja, wie du meinst. leise zu Thomas Ich hätte gerne einen Kaffe. wenn einer da ist.

Thomas: Vera! Ach, die ist ja in der Garage. Ich setze kurz einen auf. geht in die Küche.

Tatjana flüstert: Sag mal kannst du dich nicht einmal ein wenig zusammenreißen?

Ralf: Das kotzt mich einfach an....und du machst da auch noch mit bei diesem Gesülze!
"Das wäre doch eine nette Idee Ralf oder?" Was soll das, du weißt ganz genau dass ich damit nicht klar komme. ich hasse dieses elendige, verlogene Gutmenschengetue.

Tatjana: Ja ich weiß, es tut mir leid...ich dachte es würde vielleicht gut ankommen...
ich hatte nicht daran gedacht dass du da so reizbar bist in dem Moment.
Ach übrigens-

Thomas kommt zurück: -So, Kaffee wäre dann aufgesetzt. lacht dämlich
Was macht denn die Vera da so lange in der Garage?

Tatjana und Ralf: hmm.

Thomas: - Auf jeden Fall tut es gut, Gutes zu tun.

Stille

Thomas sucht etwas auf dem Wohnzimmertisch, holt eine Broschüre vor, liest:

Thomas: M-l-i-n-g-a. Dr. Immanuel Mlinga, Pastor.

Tatjana und Ralf: Was?

Thomas: Dr Immanuel Mlinga - Das ist der Pastor von Zomba. Da wo wir waren , also das Hotel. Zomba bedeutet übrigens Flusspferd auf Chichewa , das ist die Landessprache.

Tatjana: Interessant!

Thomas: Dr. Mlinga leitet diese Organisation.

Tatjana: Aha, welche Organisation?

Thomas: Na die, wo wir gespendet haben. A propos, die Region heißt nicht umsonst so. Manchmal haben die in der Hotelbar übernachtet, die Hippos. Das muss man sich mal vorstellen.
Nicht ganz ungefährlich für die Gäste. Afrika...

Ralf genervt: ...ist halt Afrika. Unglaublich!

Vera kommt mit dem Kaffee aus der Küche. Sie trägt jetzt einen afrikanischen Kaftan.

Thomas und Tatjana begeistert: Oooh!

Vera: So der Kaffee ist fertig. zu Tatjana Ist schön, oder? Das ist von unserem Ausflug nach Lilongwe! Da kann ich dir nacher noch ein paar Fotos zeigen! zwinkert ihr zu, stellt den Kaffe auf den Tisch. Ich musste ganz alleine zum Shoppen.

Thomas: Ja,Lilongwe...da hatte ich fürchterliches Magen-Darm an dem Tag.

Vera: Ach da ist ja die Broschüre. verträumt Hat er euch schon von Mister Mlinga erzählt?

Ralf: Ja!

Vera: Das war da in diesem Restaurant?! Wie hieß das gleich? Ist ja auch egal.
Auf jeden fall aßen wir Chambo. Eine Fischspezialität.
Rotbarsch, Tomaten und so weiter-Eintopf. Lecker! Himmlisch Tati, himmlisch!
Naja, Mister Mlinga, ein sehr großer schlanker Mann, hat sich dann neben uns gesetzt und wisst ihr was? Er hat uns auf deutsch angesprochen!

Thomas: Da waren wir mit dem Essen natürlich schon fertig. lacht

Vera: Und sowas von freundlich, da träumst du hierzulande nur von.
So kamen wir ins Gespräch und, ja, Mlinga ist Pastor und gleichzeitig Leiter dieser Entwicklungshilfeorganisation für Malawi.

Thomas: Hat auch schon mal in Deutschland gelebt. Hier in der Nähe sogar, Rottweil.

Vera: Dann lud er uns noch zu sich nach Hause ein - zum Tee.
Seine Frau ist auch Ärztin,
aber die verdienen da bei weitem nicht...
also das kannst du finanziell gesehen gar nicht miteinander vergleichen.

Thomas: Nein, das kannst du nicht vergleichen.

Vera: Auf jeden Fall konnten wir da dann auch die afrikanische Kultur mal hautnah erleben.
Sonst waren wir ja die meiste Zeit in unserer Anlage.
Alles sehr bescheiden eingerichtet bei denen.....aber so schön, Tati.
Ja, und dann hat er uns natürlich von den vielen Projekten erzählt die er gerade betreut, also
Brunnenbau, Kinderheime und so weiter.

Und Ihr beide habt ja dann auch noch
bis in die Nacht philosophiert.

Thomas: Ja. Mit einem promovierten Theologen geht das natürlich ganz gut.
Du hast es ja nicht lange ausgehalten. lacht.

Vera: Ich war hundemüde

Thomas: Und am nächsten Tag sind wir morgens aufgestanden und direkt nach dem
Frühstück haben wir uns gesagt: Ja, da geben wir was hin, das ist eine gute Sache,
den unterstützen wir.

Vera: Man kann eben doch etwas tun, etwas verändern. Auch wenn es nur im Kleinen ist.

Thomas leise zu sich: Genau so ist es.

Ralf: Gibt es noch Kuchen?


II.

Die Häberles liegen in ihrem Bett und hören die Abendnachrichten im Radio.


Ralf: Bin ich froh wieder zu hause zu sein. Was für ein Tag!

Tatjana: Zum Schluss sind die mir auch nur noch auf die Nerven gegangen.

Ralf: Idioten!

Tatjana stellt das Radio lauter

Radiostimme: Vor den Spendensammlungsaktivitäten des malawischen Staatsbürgers
Immanuel Mlinga, der sich seit 15. Dezember 1997 in Deutschland und im benachbarten europäischen Ausland aufhält, wird nachdrücklich gewarnt.
Immanuel Mlinga, der sich unberechtigterweise manchmal auch Professor oder Dr. Mlinga nennt, wurde 1984 in Zomba, Malawi, zum katholischen Priester geweiht;
1996 jedoch vom Bischof der verantwortlichen Diözese vom Priesteramt suspendiert.
Mlinga studierte Zwei Jahre an der Kirchenmusikschule in Rottweil, jedoch ohne einen Abschluß zu erwerben. In der Zeit erschloß er sich allerdings über seine seelsorglichen und musikalischen Aktivitäten zahlreiche Freundes- und Förderkreise, vor allem in Deutschland, der Schweiz und Österreich. Nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand ist anzunehmen,
daß Immanuel Mlinga bis heute Spenden in beträchtlicher Höhe zugeflossen sind.
Die Projekte, mit denen sie eingeworben wurden, kamen vielfach über den Status von Ideen nicht hinaus.
Mlinga steht im begründeten Verdacht, ein Hotel, mehrere Mietshäuser, eine Agrarhandelsfirma sowie zwei Privatautos zu besitzen.

Pause

Mittwoch, 19. Mai 2010

Das Leere Buch

I.

Sich alleine zu freuen -
Ein seltsames Gefühl wieder.
Oder?

Sonntag, 16. Mai 2010

Nacht-Wache

I.

Erster Tag

Es ist diese Art von Regen die konstant ist.
Die dich gleichmäßig nass macht.
Das ist die schlimmste Art Regen finde ich.
Ich werde gleichmäßig nass.
Feierabend.

Meine Kabine.
Die Zeitung, der Kaffee, die Bücher, die Zimmerschlüssel.
Ich mache kein Auge zu. Nein, ich mache kein Auge zu.
Der Reinigungseimer, der Kühlschrank, das Radio.
Ich darf nicht, ich habe Nachtwache.
Meine Bewährungsprobe Heute meint mein Chef.
Er hat eine Glatze.
Dreißig Iren, sturzbesoffen. Zehn Stunden.
Alles in einem tiefen Atemzug hinter mir gelassen.

Ich komme raus auf die Straße, zünde die Zigarette an und stehe plötzlich in
taghellem, unaufhörlichem Regen. Die Augen zukneifen, Fünf Minuten bis zur Haltestelle. Die ist überdacht. An Dönerbuden und Pizzaläden vorbei, sehe ich die Ratten mit den feuchten Haaren betäubt in die Reste beißen. Sie zahlen zu viel-ein gutes Geschäft. Alles riecht nach Ethanol.

Samstag morgen.
Ich hätte keine Stunde früher Schicht machen dürfen.
Ich hätte alles verpasst.
Ich hätte das Gefühl verpasst,
alles verpasst zu haben.
Meine momentane Existenz:
Eine einzige Gegenbewegung.

Überreste der Nacht.
Flaschen, Taschentuchfetzen, Kippen und Stummel.
Scherben, Pistazienschalen,eine Socke und festgetretene Kaugummis.
Urin und Spucke bahnen sich ihre Wege auf dem Stein.
Dann plötzlich Tauben. Tauben?
Tatsächlich. Eine weiße Taube!
Unbekümmert pickt sie den Dreck der letzten paar Stunden
vom Bahnsteigrand - Die Bahn fährt ein - und wirbelt sie, wie eine verlorene Zetungsseite, auf den Giebel hoch oben.
Mit meinem Einsteigen, fängt sie an sich zu putzen.

Und ich denke mir
Kitsch pur!
Aber nach einigen Metern
muss ich damit hadern

w i e ich eingestiegen bin.

Montag, 10. Mai 2010

Der Strand der Dinge - Marcus/Analyse

Mein Leben hatte mich schon immer angekotzt, gelangweilt.
Ich wollte nicht so werden wie die Bauern auf dem Dorf, vor allem wollte ich nicht als Bauer bezeichnet werden.
Mein Dorf. Das Dorf mit dem immer gleichen Anblick, dem ewig Gleichen. Den gleichen Leuten, den gleichen Alten, den gleichen zwei Kneipen, dem selben Stammtisch,
schon seit 51 Jahren im Hinterzimmer der Tankstelle. Der gleichen Kirchturmspitze,
der gleichen Republikanerwahlschilder im August an den gleichen Eichen.
Eigentlich ein schönes Dörfchen. „Ein gemütliches Dörfchen“ meinten die Tanten.
Die kamen aber auch nur jede zwei Jahre einmal übers Wochenende - wenns hochkam.
Es muffte.

Ich wusste ganz genau, dass hier viele tranken, wer hier trank.
Dass hier einige ihre Frau prügelten, dass der Pfarrer seine Frau prügelte. Und soweiter.
Mein Papagei ging mir über alles - Larry. Ich verbrachte viel Zeit mit ihm, ich brachte ihm,
dem Papagei, das sprechen bei, einfach so. Es funktionierte. Larry war ein Wesen, dass ich programmieren konnte.
Für das programmieren am PC reichte es mir nie –
zu ungeduldig. Battlefield, Tekken, Unreal und sowas fand ich geil.
Ja es gab da eine Zeit, da..... die Zeit ist vorbei.

Ich wohne noch bei meinen Eltern, die ich aber kaum noch sehe. Ich bin jetzt 28 Jahre alt und treibe mich die meiste Zeit in der Innenstadt rum.
An die flache Hand von meinem Vater, erinnere ich mich noch gut, Vielleicht bin ich deshalb so ungern zuhause. Wenn ich so recht drüber nachdenke, vergeht eigentlich kaum ein Tag, an dem ich nicht in irgend einer verborgenen Ecke meines Inneren auf Rache schwöre für alles was passiert ist in meiner Vergangenheit, meiner Kindheit. Für all das Verkorkste, all das klebrig Anhaftende, den Schmutz, ja für all den Dreck, den ich in diesem Dorf eingeatmet habe, Jahre lang, eigentlich mein ganzes Leben – meine Heimat, die Hölle, Hellboy – die Wut muss sich doch entladen irgendwo. Meine ich.

Ich hasse sie doch alle.

Seit kurzem spritze ich mir Testosteron. mit einer Spritze direkt in die Vene. Ich kann jetzt schon nicht mehr damit aufhören. Es geilt mich auf. Ich habe Phantasien. Ich sehe nackte Männer in meinen Träumen, ich kann es nicht deuten. Scheiße denke ich mir, was ist los? Morgen die nächste Spritze – ja, das ist gut. Ich schäme mich, und ich muss weiterspritzen. Eine weitere Droge in meinem System, einen Schritt weiter richtung Heimat. Früher war ich fett, die Sprüche, der Schulhof, Scham, Neid, Hass, was weiß ich.

Ein neuer Tag ein neuer Anfang, ein alter Trick - Alles auf Anfang.

Ich spritze es mir bei meinen Freunden auf dem Klo, dann fange ich an davon zu erzählen, weil ich es nicht mehr aushalte. Ich höre mich reden, ich denke, das erzählen macht es mir leichter damit umzugehen, nimmt dem Ganzen die Perversion. Die Freunde sind tolerant - bis ich mich umdrehe und aufs Klo gehe. Dann wird geredet. Aus Angst bescheinigen sie mir einen klaren Verstand, lügen mir ins Gesicht. Und hinter meinem Rücken reden sie davon mich einzuweisen.
Ich glaube das ist mein größtes Pech. Dass die Leute vor mir Angst haben.

Mittwoch, 5. Mai 2010

stupido/fragment

STIMME1
Schalt den Fernseher an Stupido
Mach schon gib dir den Scheiß.
Du kannst doch eh nicht mehr.
Schläfst fast im Schlafen ein.
Setz dich auf die Couch und
Drück den Knopf Stupido,
Mach schon.

STUPIDO
Ich drücke den Knopf,
Drücke den Knopf.
Nein, nicht mit mir.
Ich drücke den Knopf nicht.

STIMME 2
Das ist ein fließender Übergang
Vom Realistischen ins Fantastische.

STUPIDO
Ja, bestimmt!
Wie gehts weiter?
Gehts weiter?

STIMME 3
Schon sitze ich gekrümmt,
Mein scheiß Rücken.
Ich sitz in meiner Kuhle.

STIMME1
Drück den Knopf Stupido.

STUPIDO
Ich drücke den Knopf.

Stupido drückt den Knopf, der Fernseher springt an.

Sonntag, 2. Mai 2010

Italien `89

während das
unvergesslich
orangene licht
der müden
laternen
sich im
kopfstein-
pflaster
der langen
straße spiegelt
und die
anderen
im halbdunkel
des späten abends
ball spielen,
wehrt sich
Das Kind
in der ecke still
und verschämt
dagegen die szene
zu verlassen,
ins bett
zu gehen
und sich
durch die
dünnen wände
des kleinen hauses
hindurch
ein freundlich lautes
gute nacht
zurufen
zu
lassen.