Sein steinig fahles, bleiches Gesicht, schwebte durch die Menge, die sich an diesem sonnigen Wintermorgen mit aufgesetzter Lässigkeit durch die steile Gasse der Altstadt quetschte, mit der alleinigen Absicht den Weihnachtsmarkt, der sich zwar in seiner Endphase befand, aber nichts von seinem Zauber verloren hatte, in aller Gemütlichkeit leerzuräumen.
Er hatte es eilig.
Keine Lust auf diesen Weihnachtsschnickschnack, diese Lichterketten, Rentiere, lachende Familien mit oder ohne Kinder, Großmütter, die noch langsamer liefen als der Rest, Pärchen, die händchenhaltend den Durchgang noch erschwerten; und am meisten störte ihn, daß er heute noch nichts geraucht hatte. Ja, ihm zuckte die Hand.
Und so entschied er sich, anstatt dem Rentnerpärchen vor ihm den Hals umzudrehen und ihrem gemütlichen, mittelständischen, äußerst schwäbischem Leben ein jähes Ende zu bereiten, sich lediglich zart am Kopf zu kratzen und sich Zentimeter für Zentimeter weiter die Gasse hochzuarbeiten.
Seine schwarze Wollmütze fühlte sich feucht und klamm an und er begann sich zu entsinnen.
Ja, schon als Kind hatte er immer - "Scheiße!"
Ein kleines blondes Mädchen, eine riesige Waffel in der Hand, war ihm soeben, mit allem was sie hatte auf seinen linken Fuß gestiegen, Noch ein verschmitztes Lächeln aus Puderzucker und weg war sie wieder - Er war mittendrin – ruhig bleiben - blitzte es kurz in ihm auf. Jetzt schon auf Höhe des Scientologystandes, mit seinen in roten Windjacken verkleideten Marketendern wie jedes Jahr auf Seelenfang. Noch circa fünf Meter bis zu den Treppen, die seitlich von der Gasse abgehen und links zur Stiftskirche hochführen, die, anders als der Weihnachtsmarkt unter ihr, an diesem Tag fast leer war. Wer würde jetzt, so kurz vor dem Ziel noch die Nerven verlieren?
Immernoch sein gelbes Gesicht,umrahmt von Kragen und Wollmütze. Eine Totenmaske.
Schweiß floss ihm allmählich über die Stirn und in die Mundwinkel, salzig wie Brezeln.
Der schwere Gebirgsjägerrucksack machte ihm zu schaffen. Einer wie die Jungs von der schweizer Armee ihn tragen. Grün, groß, mehr als fünfzig Liter Maximalvolumen, echtes Leder.
Er hatte die Treppen erreicht, und so stand er nun da wie Heinrich Harrer, oder wie ein schweizer Gebirgsjäger. Zwei Stufen reichten aus, um, auf dem Gipfel angekommen, das muntere Treiben unter ihm, die Szenerie, zu beobachten. Gebetsfahnen im Wind. Das Matterhorn.
Armeerucksack aus Leder, den Wollmützenschweiß im Gesicht - Ein Bild das ihm irgendwie passte.Ein letztes mal blickten seine wachen, braunen Augen die wegen der tiefen, schon fast wie Furchen anmutenden, geschwollenen Augenringe, noch wacher wirkten, so, als wären diese Augen das einzige, das ihm geblieben war, hinab auf diese Menschen, zu denen er nie gehören wollte. Er atmete durch, hielt kurz inne, um dann mit einer schnellen Bewegung, einer Pirouette, den Massen den Rücken zu kehren. Stufe für Stufe.Der Kirche zugewandt.
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